Nds. Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr klar

Die digitale Revolution mitgestalten

Eine politische Revolution lässt sich zumeist an einzelnen Jahreszahlen festmachen. 1789 war die Französische Revolution, 1917 die Russische. Mit einer industriellen Revolution ist es nicht so einfach. Sie beschreibt einen Prozess, der sich über viele Jahrzehnte allmählich entwickelt. Die 1. industrielle Revolution begann Mitte des 18. Jahrhunderts als eher regionale Entwicklung - im Nordwesten Englands, mit der schrittweisen Einführung industrieller Fertigungsweisen in der Textilproduktion. Die weitere Entwicklung und weltweite Ausdehnung ist eng verbunden mit der Erfindung und Verbreitung der Dampfmaschine. Es dauerte bis ans Ende des 19. Jahrhunderts, ehe die Industrialisierung auch in einem Land wie Japan ankam. Überall war die Entwicklung verbunden mit einer massiven Veränderung der gesamten Arbeits- und Lebenswelt der Menschen, von der Agrargesellschaft hin zur Industriegesellschaft.

Heute ist es wieder soweit. Wir stecken mitten drin in einem solchen Prozess. Mitten drin in der 3. oder - je nach Lesart - 4. industriellen Revolution, die von der immer weiter zunehmenden Digitalisierung unserer Welt gekennzeichnet ist. Diese betrifft den Arbeitsplatz, unsere Mobilität, unser Leben zu Hause. Begonnen hat die digitale Revolution um die Jahrtausendwende. 1993 waren noch um die 3 Prozent der weltweiten Informationsspeicherkapazität digital, kaum 15 Jahre später waren es schon über 90 Prozent.

Die Entwicklung ist rasant. Wer hätte vor ein paar Jahren an papierlose Zeitungen geglaubt, die ohne den Umweg über Drucker und Zusteller auf einem elektronischen Tablett landen? Und das übrigens schon um 22 Uhr am Vorabend und selbst im letzten Winkel der Erde, vorausgesetzt natürlich, wir haben ein gutes Netz. Wer hätte an Autos mit präzisen Navigationssystemen geglaubt, Autos, die inzwischen auch wie von Geisterhand ohne Beulen rückwärts einparken? Und auch die Produktion ist längst erfasst. Wer hätte vor ein paar Jahren gedacht, dass es 3D-Drucker geben würde, die anscheinend jedes gewünschte Produkt auswerfen können? Ein Auto aus dem Drucker, ein ganzes Haus - das geht heute schon.

 
Im Beruf, beim Lernen, in der Freizeit: Augmented und Virtual Reality sind zwei der vielversprechenden neuen Technologien, die unsere Welt derzeit verändern

Es hat natürlich überhaupt keinen Zweck, angesichts dieser Entwicklung den Kopf in den Sand zu stecken. Das Gegenteil ist notwendig. Es kommt darauf an, die digitale Revolution mitzugestalten: neugierig zu sein, innovativ und aktiv. Das gilt für die Wirtschaft, für die Menschen und natürlich auch für die Politik.

Nun wird die Politik sicher nicht das nächste innovative Produkt erfinden und in den Markt bringen. Politik sollte sich gerade in Zeiten rasanter Entwicklungen auf ihr Kerngeschäft besinnen, ihre klassische Rolle: Chancen verbessern, Risiken minimieren, Rahmenbedingungen setzen, Impulse geben.

Das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr hat die Aufgabe, alle diesbezüglichen Maßnahmen der niedersächsischen Landesregierung zu koordinieren. Ich möchte hier nur einige der originären Aufgaben- und Arbeitsschwerpunkte des Ministeriums kurz anreißen. Auf sie wird an anderer Stelle vertieft eingegangen werden:

  • Der konsequente Breitbandausbau: Eine schnelle Internetverbindung gehört heutzutage zur Daseinsvorsorge. Wenn ein Unternehmen nach einem Standort sucht, fragt es vorher nach dem schnellen Internet. Die Ballungsräume sind gut versorgt, in den ländlichen Gebieten gibt es noch Nachholbedarf. Die niedersächsische Landesregierung fördert daher konsequent den Ausbau der zukunftsträchtigen Glasfaserverbindungen bis in jedes Gebäude. Heute sind 68 Prozent aller Gebäude in Niedersachsen mit einer Übertragungsgeschwindigkeit von 50 Mbit/s versorgt, damit stehen wir im bundesvergleich gut da, besser sogar als ein Land wie Bayern. Unser Ziel: Bis 2020 haben alle Gebäude in Niedersachsen die Versorgung mit 50Mbit/s haben.
 
  • Die Digitalisierung unserer Seehäfen: Weiße Flecken bei der Breitbandversorgung waren bislang ausgerechnet unsere Seehäfen als logistische Drehscheiben. Die Landesregierung kümmert sich intensiv um die Digitalisierung des „Hafens Niedersachsen", beginnend bereits ab März 2017 mit unserem Hafen Brake.

  • Das Testfeld Autonomes Fahren: Im Dreieck zwischen Hannover-Salzgitter-Braunschweig/Wolfsburg bauen wir ab diesem Jahr ein Testfeld für Autonomes Fahren auf. Und zwar auf den Autobahnen A 2, A 7 und A 39, auf den Bundesstraßen 3 und 6 im Raum Hannover, auf der B 243 im Raum Hildesheim sowie in Braunschweig auch im innerstädtischen Bereich. Diese Vielfalt der unterschiedlichen Verkehrssituationen macht unser Testfeld mit seiner Gesamtlänge von 262 Kilometern im Endausbau einmalig in Deutschland. Auf unserem Testfeld entwickeln wir zusammen mit unseren Partnern aus der Wissenschaft und aus der Wirtschaft digitale Lösungen für die Verkehre der Zukunft. Schon in wenigen Jahren werden selbstfahrende Autos auf unseren Straßen unterwegs sein. Diese Entwicklung treiben wir als Automobilland Niedersachsen maßgeblich voran.

  • Das Netzwerk Industrie 4.0: Bereits Mitte 2015 haben wir das Netzwerk Industrie 4.0 Niedersachsen ins Leben gerufen, im Web zu finden unter: www.i40nds.de/. Es hat die Aufgabe, im Rahmen der Netzwerkarbeit Akteurinnen und Akteurinnen Akteure aus den Bereichen Wirtschaft; Wissenschaft und Verwaltung zusammenzuführen.

  • Der digitalRat.Niedersachsen: Zudem richten wir 2017 unter Vorsitz des Ministerpräsidenten den „digitalRat.niedersachsen" ein, die operative Federführung liegt im Wirtschaftsministerium. Alle Ministerien werden eingebunden, externe Sachverständige werden hinzugebeten. Der „digitalRat.niedersachsen" berät die Landesregierung, prüft den jeweiligen Entwicklungsstand in den einzelnen Feldern und setzt Prioritäten. Und, ganz wichtig: Er hat ein Auge darauf, dass bei all den anstehenden Veränderungen die soziale Gerechtigkeit nicht zu kurz kommt.

  • Gute Arbeit: Industrie 4.0 zieht unweigerlich eine neue Arbeitswelt nach sich. Die Landesregierung führt mit allen wichtigen Partnern, insbesondere Arbeitgebern und Gewerkschaften einen intensiven und regelmäßigen Dialog, der die Chancen von Arbeit 4.0 betont und vorhandene Befürchtungen aufnimmt. Eine gute Diskussionsgrundlage ist das kürzlich von Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles erstellte „Weißbuch Arbeiten 4.0". Wir in Niedersachsen haben gemeinsam mit dem DGB eigene Untersuchungen erstellt. Aus Befragungen wissen wir daher, dass die Digitalisierung noch längst nicht an jedem Arbeitsplatz angekommen ist, nur 56 Prozent der Beschäftigten sehen sich betroffen. Und: Die Betroffenen sehen eher die Belastung als die Chancen. Überzeugungsarbeit ist also notwendig, eine wichtige Aufgabe auch für die von uns ins Leben gerufene „Fachkräfteinitiative Niedersachsen".
 

Die Arbeitsbedingungen müssen sich anpassen, auch das Arbeitsrecht. Wir brauchen flexiblere Formen der Arbeitszeit. Telearbeit zum Beispiel kann durch die Digitalisierung deutlich ausgebaut werden. Aber: Arbeiten, nachmittags Pause und abends weiter arbeiten, wenn die Kinder schlafen - dieses Modell ist zurzeit bei abhängig Beschäftigten nicht ohne weiteres möglich. Das wird sich ändern. Aber eines muss auch klar sein: Die Digitalisierung darf nicht als Trittbrett missbraucht werden, um Arbeitsschutzrechte in großem Stil abzubauen. Arbeiten und kontrollierbare Arbeitnehmer rund um die Uhr - das kann nicht die Zukunft sein.

Wir wissen schon heute: Es werden Arbeitsplätze verschwinden. Aber es werden auch ganz neue entstehen. Unterm Strich haben wir in einem hoch technisierten Land die besten Aussichten, in der neuen, digitalen Welt einen erfolgreichen Weg zu finden. Wer noch Zweifel hat, der mag an unsere Kinder denken. Sie wachsen wie selbstverständlich im digitalen Zeitalter auf, nutzen Smartphones, und moderne Multimedia-Angebote problemlos. Sie haben keinerlei Berührungsängste und finden sich schnell zurecht. Wer schon mal erlebt hat, wie das eigene Kind mit gönnerhafter Miene die technischen Feinheiten des neuen Handys erklärt, der weiß, was ich meine. Diese Leichtigkeit brauchen wir bei der digitalen Revolution. Sie wird uns helfen, die Chancen einer neuen, verbesserten Arbeitswelt zu nutzen.

Minister Olaf Lies  

Olaf Lies, Niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr

Digitalisierung als Chance

 
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